Das Geheimnis der Kreativität

…„Wir haben mit Absicht dieses stille Haus gewählt, um miteinander uns den Werken der großen Meister zu widmen, dieses einfache Schloss, das fern dem Getriebe der großen Stadt liegt, zu dem Sie nur zu Fuß auf einem Gang von einer Viertelstunde gelangen können. Hier, ohne künstliches Licht, ohne Auto, ohne Telefon, nur von der Natur umgeben, hoffe ich, dass Sie schon auf dem Wege dahin die Unrast, den Alltag, das Allzumaterielle verlieren und vergessen mögen – und so, schon vertraut mit Baum, Wolke und Wind, den Werken empfänglich nahen. Handelt es sich hier ja nicht darum, Ihnen schnell ein paar Stücke beizubringen – ich habe nichts anderes, nichts Geringeres im Sinn, als Sie vom Klavier fort und zu sich selbst zu führen.

In der heutigen Zeit vollkommener Technik und Mechanik hat ein nur im rein pianistisch-­artistischen Sinne gut gespieltes Klavierstück keinen Zweck mehr. Nur innerlich erlebte Kunst, an der Ihre Persönlichkeit schöpferischen Anteil hat, interessiert, wirkt und baut auf. Sie müssen zu sich selbst gelangen.

Um Sie dazu zu bringen, müssen die, die nicht schon einmal gestorben sind, sterben; und zwar den Opfertod aller Eitelkeit, alles Angelernten, Aufgeklebten, Falschen.

Sie müssen dann wie ein Suchender, leise hinuntersteigen in das Dunkel Ihres tiefsten Seins, dorthin, wo Sie in der Kindheit waren, und dem Rauschen Ihrer Wünsche und Sehnsüchte lauschen, wieder sein wie ein Kind, ein Baum, eine Blume, unverfälscht und echt, hingegeben dem Gefühl vollen Lebens. Und wenn Sie still genug sind, voller Ehrfurcht für den Gott in Ihnen und Ihr Ohr an das Urgestein pressen, um dem heimlichen Tod zu lauschen, der durch alle Welten zieht, wird ER das heilige Feuer der Phantasie aufleuchten lassen, einer Phantasie, die ihre Kräfte aus Ihrem eigenen Sein und Wesen zieht.

Und bist Du demütig und stark zugleich, so schaust Du das Land Deines eigensten Wesens, das Land der reinen Dinge, die Kraft, die Größe, die Schönheit selbst und auch das Leid und die Weichheit und die Verklärung. Und hast Du diese Urbilder in Dich aufgenommen, so lass den Strom Deiner Kräfte aufsteigen in Dein Leben, in Deine Taten, in Deine Kunst und forme nach Deiner Phantasie – und das Bild Deiner Schönheit, Deiner Größe, Deine Liebe und Deine Trauer, Deine Hoffnung und Deine Freude wird leuchtend und fruchtbar. Du wirst ein Schöpfer.

Ein schöpferischer Mensch aber in seiner besten Stunde ist göttlich. Wenn es Dir jedoch nicht gegeben ist, Deine innere Vorstellungskraft in eigenen Schöpfungen zu verwirklichen, so findest Du die Werke der großen Meister. Sie sind, wie Gefäße, bereit, Deinen Strom zu empfangen. Diese herrlichen Gebilde sind die andere Hälfte Deines Daseins. Umfange sie, belebe sie, ohne ihnen Gewalt anzutun, veredle an ihnen, wachse an ihnen und leihe ihnen, diesen Götterbildern eines geahnten Reiches, die Kraft Deines warmen Lebens.

Doch diese geahnte, geistige Welt bedarf, um in Erscheinung zu treten, der diesseitigen Wirklichkeit. Zwar benutzen wir in unserer Kunst den denkbar entmaterialisiertesten Stoff, schon nicht mehr an unsere Erde gebunden – die Schwingung – doch auch sie will geformt, geschaffen sein. Der Weg vom Urbild über Psyche, Physis, Instrument und Klang ist weit – und auf jeder der Leidensstationen geht etwas verloren – nur ein Bruchteil des Urbildes kommt zu Erscheinung.

Wenn ich Ihnen auf diesem Wege helfen kann, so tue ich es gerne, damit aus dem Werk und Ihrer Persönlichkeit zusammen ein Neues entstehe, aus dem in Kraft und Reinheit das Ewige leuchte, um dessentwillen zu leben allein sich verlohnt.“ (Edwin Fischer)